be_ixf;ym_202008 d_05; ct_100
SCHLIEßEN
Romain Febvre at the 2018 Grand Prix of Germany
NEWS

Die einsame Straße? Warum Motocrosser mehr geben müssen

Jun 042018

Wer schon einmal mit dem Dirtbike unterwegs gewesen ist, und den Herausforderungen von Off-Road Gelände getrotzt hat, weiß, welche Strapazen bestimmte Muskelgruppen aushalten müssen und wie viel Ausdauer man braucht. Manche Menschen wissen nicht einmal, dass sie diese Muskeln besitzen. Den Anforderungen von derartigen Strecken mit Wüstenlandschaften, Supercross Jumps, Waldwegen und Flüssen gerecht zu werden, ist eine große Herausforderung. MXGP Athleten sind keine Muskelbepackten Fitnesspumper. Sie sind stark, gelenkig und flexibel. Sie trainieren darauf, es mit den anspruchsvollen Cardio-Belastungen aufnehmen zu können. Factor-spec Motorräder wiegen um die 100 Kilo. Die Fahrer geraten in jeweils zwei 30-Minuten-Runden mit zusätzlichen zwei Lap Motos, bei 20 Runden ordentlich ins Schwitzen. Sie überschreiten dabei nicht nur ihre physischen Grenzen, sondern auch die der Physik. Sie geben alles, bei Rennen um die ganze Welt, von Argentinien bis nach Asien. Ihr olympiareifes Fitness Level hilft aber nicht nur ihrer Konzentration und Leistung. Bei einem Motorsport, in dem ein erhöhtes Verletzungsrisiko hinter jeder Kurve lauert und gebrochene Knochen schon Selbstverständlich sind, hilft das Training auch, um Unfälle zu vermeiden. Gute Reflexe spielen bei einem 25 Meter Sprung, der innerhalb einer halben Sekunde abläuft, eine entscheidende Rolle.

Der Puls steht bereits in den ersten Runden des Rennens bei 180-190 und bleibt konstant hoch. Die langen Fahrten durch die Unebenheiten der sandigen Strecken, wie im belgischen Lommel, stellen die Fahrer auf die Probe. Auch die unerträgliche Luftfeuchtigkeit in Indonesien, der italienischer Sommersonne und tiefster Schlamm gehörten zu den Belastungen, denen man im MXGP ausgesetzt ist.

 

Der typische Kalender eines MXGP Rennfahrers weist neben einer langen Grand Prix Saison auch gelegentliche internationale oder heimische Meisterschaftsmeetings auf. Diese finden von Februar bis September statt. Das Testing wird in der ersten Oktoberwoche beendet. Die Pros nehmen sich ein paar Wochen Urlaub für eine Erholungsphase, bevor sie ihr ‘Basistraining’ für den nächsten Wettkampf aufnehmen. Dann ist hardcore Cardio angesagt, das normalerweise laufen, Rad fahren, Höhentraining, Gerätetraining und sorgfältige Diäten beinhaltet. Die Weihnachtsferien unterbrechen dieses Programm ein wenig, aber in den darauffolgenden Wochen widmen sich die Fahrer intensiv den Runden und Strecken.

 

Sobald ein Fahrer die nötigen Erfahrungen, Fähigkeiten und genug Kondition für einen MXGP Sieg gesammelt hat, weiß er auch automatisch, was sein Körper braucht. Er kann einschätzen worauf es ankommt und was man besser sein lässt. Vor allem aber auch, wann man sich ausruhen sollte, um das Gleichgewicht zwischen Ruhe und Gasgeben zu halten. Für die hochklassigen Fahrer ist der harte Teil nicht ihre Arbeitszeit an sich, sondern viel mehr der Aufwand, um sich in die bestmögliche Form zu bringen. Ihre MXGP Kultur findet selten Zuwachs, da eine ständige Verbesserung gefordert ist. Vor allem da der Grat zwischen Preisen und nur Punkten schmal ist, muss ständig an der Leistungssteigerung gearbeitet werden.

 

In dieser Zwickmühle befand sich auch der dreifache Motocross of Nations Gewinner und MXGP Weltmeister Romain Febvre. Der Monster Energy Yamaha Fahrer durchlebte sie am Anfang des Jahres 2017. In dieser Phase hatte er das erste Mal seit seinem überzeugenden Einstieg in die Premier Klassen mit einer Gewinnflaute zu kämpfen.

 

„Ich bin letztes Jahr für zwei Wochen mit Ryan Hughes [ehemaliger AMA MX und GP Fahrer, jetzt Trainer] in die Staaten gereist. Das war zwischen dem argentinischen und dem mexikanischen Grand Prix“, erinnert sich #461. „Zu dieser Zeit wusste ich nicht ob das - nennen wir es ‘Problem’ - von meiner Seite aus kam oder von der technischen Seite des Bikes. Ich habe also versucht, mein Programm zu verändern, um neue Herangehensweisen zu entwickeln. Das war super, um neue und auch andere Methoden und Techniken zu erlernen. Meine Zeit mit Ryan war sehr positiv und ich war in der Lage, neues aus dieser Situation mit auf den Weg zu nehmen.“

Motocrosser haben, wie viele andere Sportler auch, den Vorteil, besser mit Schmerzen, Schwächen und Besonderheiten ihres Körpers umgehen zu können, als durchschnittliche Personen. Es ist seltsam, dass Unsicherheiten im Bezug auf den richtigen Umgang mit ihrem Körper entstehen können. Genau dieser Umgang spielt aber die wichtigste Rolle, wenn die Ergebnisse oder das ‘Gefühl‘ auf dem Bike nicht stimmt. Das Fundament ihrer Vorbereitung für den Sport zu analysieren und zu verbessern, kann daher beruhigend sein.

 

“Fitness zu betreiben ist der einfachste Weg, um Fortschritte zu sehen,“ versichert Febvre. „Wenn es um die Technik auf dem Motorrad geht, braucht man wirklich ein gutes Team und ein gutes Entwicklungsprogramm. Durch das Training lernt man dann, die Dinge zu Ergründen und zu Untersuchen. Man probiert Dinge aus. Wenn man motiviert ist, kann man alles schaffen. Ich hatte während meiner MX2 Zeit zwei Trainer. Ich habe sehr viel von ihnen gelernt, als ich dann 2015 zu Yamaha gewechselt habe, entschied ich mich dazu, alleine zu gehen. Das hat sehr gut funktioniert. Der physikalische Teil des Jobs ist am einfachsten [zu lernen]. Man sammelt Erfahrungen und es kostet nichts zu trainieren, außerdem kann man es so häufig machen, wie man möchte.“

 

Auch bei dem Versuch, dass Gewisse etwas für bessere Leistungen zu erreichen, sind Motocrosser experimentell. Manche der GP Jungs sind dafür bekannt, schon Biathlon, Klettern, Boxen und Mountain-Biking getestet zu haben, um sich zu Verbessern. MXGP Zuschauer mit Adleraugen haben den 26-jährigen Febvre bestimmt schon in voller Montur am Start Gate dabei beobachtet, wie er versucht einen Stab zu fangen, den sein Assistent fallen lässt.

 

“Damit meine Reaktion sich verbessert und ich auf jeden Fall bereit bin für den Gatedrop“ erklärt er lächelnd. „Ich bin offen dafür, neues auszuprobieren. Es gibt so viele Arten um zu Trainieren. Das ist gut, weil man dann verschiedene Dinge miteinander kombinieren kann. Es ist super, Aktivitäten nachzugehen, die dem Sport offensichtlich sehr ähneln. Ich mag meine Routine. Ich denke, dass viele von uns den selben Dingen nachgehen aber bei der Regeneration und in Hinsicht darauf, die Dinge schlau anzugehen, unterscheiden wir uns.“ Viele Fahrer müssen sich zur Ruhe setzen oder sich aus dem GP Level verabschieden, weil sie diese ‘Routine’ erschöpft, oder sie sich schwer verletzen. Training, Diäten und das tägliche Engagement können ihren Preis haben. Man sieht kaum MXGP Fahrer in ihren frühen 30ern. Motocrosser leiden für ihren Beruf und ihre ‘Kunst’.

 

„Vor ein paar Jahren hatte ich am Montag nach dem Rennen Schmerzen am ganzen Körper!“ erinnert sich Febvre. „Auch wenn ich mich gut angestellt habe, war ich körperlich auf keinem guten Level. Ein Training unterscheidet sich enorm zum Rennen, man pusht sich einfach viel mehr. Das löst eine andere Art von Stress aus, die man beim Training nicht so empfindet. Der Montag nach dem belgischen GP in Lommel ist hart. Irgendwo in Indonesien zu sein ist OK, es ist einfach sehr heiß und man denkt, dass einem der Kopf explodiert. Nach einer Stunde an der frischen Lust ist man aber wieder OK. An solchen Tagen geht es mir am Montag wieder gut. Meine Muskeln machen sich zwar bemerkbar, aber mir geht es gut. Ich bin in einer guten Verfassung. Nach dem Arco [Grand Prix von Trentino] war ich am Montag zum Beispiel schon wieder fürs Testing bereit.“ Mental sieht das schon wieder anders aus, aber das ist genau so wichtig wie funktionierende Gliedmaßen und das klopfen in der Brust, das einen weiterantreibt. „Zuversicht hilf enorm. Man kann noch so müde auf dem Motorrad sitzen, sie hilft immer wieder dabei sich immer weiter zu pushen,“ sagt Febvre.

DIESER ARTIKEL BEINHALTET:

DIESEN ARTIKEL TEILEN:

EMPFOHLEN

FÜR DICH